JAMES - "Hey Ma", release 06.06.2008

JAMES - "Hey Ma"
VÖ: 06.06.2008
Label/Vertrieb: Mercury Records/Universal Records
Presse/Online Promo

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James in Worte zu fassen, die Wirkung ihrer Musik greifbar zu machen – das ist ein schwieriges Unterfangen. Man verzeihe mir, wenn ich deshalb an dieser Stelle autobiographisch werde, um dieser Aufgabe entgegenzutreten. Im Jahr 1999 spielte diese Band auf dem Haldern Pop Festival. Sie hatten einen Slot am späten Abend. Ich kannte diese Band noch nicht wirklich. Als Anfang der Neunziger ihr großer Hit „Sit Down“ erst in den britischen Charts und später in den britischen Stadien als Fußballhymne explodierte, war ich eher mit den Sorgen eines Schülers der 7a beschäftigt. Dennoch war ich neugierig, denn mein Kumpel Jens, der die James-Zeit bewusst miterlebt hatte, gab „Gold Mother“ schon auf der Hinfahrt zwei Durchläufe. Als wir nach langem Stau endlich das Festivalgelände betraten, flackerten die Scheinwerfer schon und ein James-Intro rauschte aus den Boxen. Ich weiß bis heute nicht, was mich dazu brachte – die drei Beifahrer-Bier waren es nicht – aber von der ersten Minute an, hatten sie mich. Brachten mich ekstatisch zum Tanzen, ließen mich die Arme in die Luft recken, und mich bei den Gold Mother Classics „Sit Down“, „Come Home“ und „Lose Control“ treffsicher mitsingen. All die blöden Stadionfan-Posen, hier waren sie nicht peinlich, sondern euphorisch, hier waren sie echt.

Wie hatte ich ohne diese Band leben können? Sie klangen wie die perfekte Symbiose aus allem, was mich an englischer Musik bisher gekickt hatte. Britpop ohne diesen unangenehmen Größenwahn. Madchester ohne Pillenschmeißer-Vibe, aber mit der Melancholie, die man spürt, wenn man morgens verraucht aus dem Club taumelt. Und natürlich waren James in ihren besten Momenten der ganz große Pop, der auch den Beatles ein Schulterklopfen entlockt hatte. Shit, jetzt wird’s richtig pathetisch: Nach diesem Abend war ich bekehrt. Erleuchtet. Tja, und das zwei Jahre vor Bandauflösung. Na super.

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Aber: James sind zurück! Das musste ich erst mal sacken lassen. Nachdem sie Anfang letzten Jahres ihr Best Of „Fresh As A Daisy“ veröffentlichen, auf Platz 13 der Albencharts UK landeten und das mit ein paar Reuinon-Gigs – unter anderem auf den V- und T-in-the-Park-Festivals – feierten sowie einigen Soloshow und Gigs mit jungen Nacheiferern wie The Twang, setzten sie sich an neues Material. Aber natürlich kam mit dieser Entwicklung bei mir auch die Angst. Bringen die’s noch? „Hey Ma“ beantwortet diese Frage nun endlich und eindeutig. Ja!
Eingespielt wurde „Hey Ma“ in der bewährten Besetzung der „Gold Mother“: Tim Booth (Gesang),  Larry Gott (Gitarre), Jim Glennie (Bass), Saul Davies (Guitar, violin), Mark Hunter (Keyboards), David Baynton-Power (Drums) and Andy Diagram an der Trompete. Gott und Glennie hatten Booth schon 2006 kontaktiert und ihm eine Handvoll Demos geschickt, Songs „auf denen man sich Tim als Sänger wünschte“, so Gott. Man traf sich, jammte zusammen und hatte plötzlich wieder diesen Bandspirit, der ihnen irgendwann Ende der Neunziger abhanden gekommen war. „Diese Sessions waren die beste Sprache, die wir wählen konnten, um unsere alte Freundschaft zu zementieren.“ Die Aufnahmen erfolgten dann in der künstlerisch besten Ausgangslage: Ohne Label. „Wir hatten nun mal keinen Plattenvertrag, also gingen wir es an, wie es jede ungesignte Band getan hätte: Mit einfachen Mitteln, aber ungemein kreativ“, erinnert sich Larry Gott schmunzelnd.

Gleich der Opener ist Wiederkehr und Neubeginn zugleich. „Bubbles“ ist ein melancholischer Track, der sich langsam aus der Erinnerung erhebt, bis zu einem furiosen Finale. Ein Song, der James besonders am Herzen liegt. Booth erinnert sich: „Ich hatte erst nur diese Textzeile ‚I’m Alive’, daraus entstand der Text. Wir spielten ihn bei einem Rehearsal in Edingburgh zum ersten Mal. Ich las vom Zettel ab. Fünfzehn Minuten zuvor hatten wir gehört das Tony Wilson gestorben ist. Wir haben geweint. Und dann gespielt. Nie wieder wird der Song so gut klingen wie an diesem Tag.“ James widmeten diesen Song und später das gesamte Album ihrem alten Freund Wilson, dem legendären Chef des Factory-Labels. Der Titelsong „Hey Ma“ wiederum ist eine sanft klingende Sprengmischung. „Das hätte ein großer Popsong werden können, wären da nicht die Lyrics.“ Es IST ein großer Popsong, Booth meinte wohl eher, es hätte ein große Single werden können. Aber das klappt wohl auch heute noch nicht mit einer Punchline wie dieser: „Hey Ma! The boys in the body bags are coming home in pieces.“ Worum es da geht? „Das ist ja wohl offensichtlich“, so Booth.

Überhaupt ist für mich die wichtigste Erkenntnis, dass James noch immer etwas zu sagen haben und neben der Spur funktionieren. Das aufmüpfige, unberechenbare ist weiterhin Bestandteil ihrer sonst so perfekten Popmusik. Vertonter Beleg dieser These ist die charmante Fuck-You-Hymne „Boom Boom“. „You wrote us off as part time losers / Wielding an axe to hide your self doubt / I don’t forgive, I forget.“ Geht’s charmanter? Ja. Im Refrain, der selbstbewusst um diese Worte kreist: „We’re laughing out loud!“ Sie hatten nichts zu verlieren, und diese Unbeschwertheit genutzt, um ein Album aufzunehmen, dass für mich persönlich ganz oben in der James-Diskographie einzusortieren ist – und die ist nicht chronologisch geordnet.
Es ist also noch nicht alles verloren in meiner Liebe zu dieser Band. Wir sind im zweiten Frühling. Und auch wenn das erste Mal ein besonders schönes war, so hoffe ich doch, dass sie sich jetzt auch noch mal mit den neuen Songs für ein paar Gigs in Deutschland blicken lassen. Gerne auch wieder auf dem Haldern Pop. Aber ich würde auch von Berlin nach München fahren.

www.wearejames.com